Seit wann gibt es Faksimiles?

Die Geschichte der Faksimiles beginnt mit der Erfindung des Buchdrucks. Denn auch die Buchdrucker hatten den Anspruch, die Eigenheiten handschriftlicher Manuskripte zu übernehmen und die Darstellung gleichzeitig ohne Einschränkung wiederholbar zu machen.

Aus diesem Grunde übernahmen die Buchdrucker für ihre Druckseiten alle gestalterischen Elemente, die Sie auch in den mittelalterlichen Handschriften vorfanden, dazu gehören Initialen, Ligaturen und ähnliches. Die spätere durch den Buchdruck mögliche Vereinheitlichung von Schrifttypen und Buchgestaltung war zunächst nicht intendiert.

So finden sich unter den ersten Druckerzeugnissen Ausgaben, die von ihrer Aufmachung mit der Handschrift geradezu identisch sind wie die im 15. Jahrhundert gedruckten Ausgaben der Armenbibel („Biblia Pauperum“), die einzelne Szenen des Neuen Testaments in Bilderform vereinte.

Im Gegensatz zu den modernen Faksimiles ging es dabei jedoch nicht um die Wiedergabe einer bestimmten einzelnen Handschrift mit all ihren Besonderheiten, sondern um Buchtypen und deren Inhalte – wobei die Art und der Träger Überlieferung zweitrangig waren.

Erst im 17. Jahrhundert lassen sich Ansätze der modernen Faksimilierung erkennen: Der französische Gelehrte Nicolas-Claude Fabri de Peirese (1580 –1637) verfolgte erfolglos den Plan, die kompletten Miniaturen des Codex Cottonianus, einer Handschrift aus dem 5. Jahrhundert, die Teile des Buches Genesis aus dem Alten Testament in griechischer Sprache enthält, zu publizieren. Ebenfalls ohne Resultat blieben die Bemühungen des in Rom tätigen Cassianus dal Pozzo (1588-1657), die Miniaturen eines der Hauptwerke spätantiker Buchmalerei, des Vergilius Vaticanus (entstanden um 400 n. Chr.) in Form von Kupferstichen herauszugeben.

Der niederländische Aufklärer Hugo de Groot, bekannt als Hugo Grotius (1583-1645) kam unserem heutigen Anspruch des „Fac simile!“ am Nächsten: Er veranlasste eine Ausgabe der Leidener Aratea, einer karolingischen Bilderhandschrift, die die lateinische Übersetzung der als „Phainomena“ bezeichneten astronomische Ausarbeitungen des Aratos von Soloi (310–245 v. Chr.). Die 90 Kodexblätter des Leidener Aratea-Handschrift enthalten 35 ganzseitige farbige Miniaturen.

Auch wenn die von Grotius in Auftrag gegebene Ausgabe nicht dem Originalformat der mittelalterlichen Handschrift (225 × 200 mm) entspricht, sind Bilder und Text exakt nach der Vorgabe angeordnet. Die im Original farbigen Bilder sind dem Zeitgeschmack entsprechend als Kupferstiche wiedergegeben. Es fehlen also Gold- und Farbelemente, die im Rahmen der modernen Faksimile-Herstellung wichtige Bestandteile des Produktionsprozesses sind (Natürlich gibt es inzwischen auch eine originalgetreue Ausgabe der Aratea: https://www.facsimilefinder.com/articles/aratea-faksimile/).

Am Ende des 17. Jahrhunderts entsteht die erste vollständige Faksimile-Ausgabe der Buchgeschichte, die auch das Format des Originals hatte. Die „Tractatio de Bulla aurea“ aus den Jahr 1697 umfasst Text und Kommentar zu der 1356 auf den Hoftagen in Nürnberg und Metz verkündeten Gesetzessammlung Kaiser Karls IV. Nicht nur das Format entspricht dem Vorbild, sondern auch der Schriftspiegel wurde exakt nach dem original gestaltet. Nur die Initialen wurden vom Drucker aus seinem Bestand gesetzt. Der Herausgeber Heinrich Günther von Thülemeyer hat auch die Kommentierung der Goldenen Bulle übernommen.

Erst mit der Erfindung der Lithografie und des Lichtdrucks im 19. Jahrhunderts wurden technisch die Grundlagen für die heutige Form der Faksimilierung gelegt

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