Wie wurden mittelalterliche Bücher geschrieben?

Bevor der oder die Kopisten, also Schreiber eines mittelalterlichen Buches an die Arbeit gehen konnten, wurde zunächst mit Hilfe von Lineal und Zirkel auf jeder Seite ein sogenannter Schriftspiegel erstellt, also der Teil einer Seite, der anschließend mit Text zu füllen war. Dazu wurden beispielsweise Hilfslinien erstellt, um die Zeilenabstände und Ränder des Textes zu kennzeichnen. Ebenfalls wurde für Schmuckelemente wie Bilder oder Initialien Platz eingeräumt oder sie wurden skizzenhaft vorgezeichnet. Betrachtet man die Seiten mittelalterlicher Kodizes genauer, so sind bisweilen die vorgezeichneten Zeilen und die Einstiche des Zirkels noch zu erkennen.

Der eigentliche Schreibprozess begann mit der Auswahl der Tinte: Tinte aus Ruß war zwar in der Herstellung äußerst kostengünstig, aber das Schriftbild konnte leicht verwischt werden. Außerdem war diese Art der Tinte nicht wasserfest. Deshalb verwendeten die Kopisten lieber eine Tinte, die aus Dornrinde hergestellt werden konnte. Das Schriftbild war rötlich-braun. Am einfachsten herzustellen war jedoch die schwarze Tinte, die man aus Galläpfeln und Eisenvitriol gewann. Jedoch konnte es passieren, dass es bei feuchter Lagerung der Texte zu Säurebildung kam und der beschriebene Stoff mehr und mehr durch den gefürchteten „Tintenfraß“ zersetzt wurde.


Andersfarbige Tinten wurden zur Hervorhebung von Initialen oder ganzer Absätze benutzt; dabei war die rote Farbe aus Bleioxid oder Mennige am beliebtesten. Die rote Farbe dieser Buchstaben oder Zeilen halfen den Text in eine gewisse Struktur zu bringen. Aufgrund der Farbgebung nennt man sie auch Rubrizierungen nach dem lateinischen „rubrum“ für die Farbe rot.

Um die farbenfrohen Miniaturen der Buchmalerei zu erstellen, musste man auf eine Vielzahl anderer Farbnuancen zurückgreifen. Neben den kostbaren Elementen wie Gold, Silber oder Purpur wurden Pigmentierungen aus zahlreichen natürlichen Stoffen wie Mineralien oder Pflanzenstoffen gewonnen. Die bildlichen Darstellungen sind auch von der Formgebung sehr unterschiedlich und reichen von ganzseitigen Bildern zu Kleinstdarstellungen, mit denen einzelne Buchstaben verziert wurden. Nicht immer mussten die dargestellten Motive mit dem Text in Verbindung stehen. Häufig dienten sie der optischen Auflockerung und der Demonstration der handwerklichen Fähigkeiten des Buchmalers.

Auch die Farbgebung war nicht notgedrungen einheitlich, so findet man in den Kodizes auch Bildelemente, die als Federzeichnung mit derselben Tinte erstellt wurden wie das Schriftbild. In solchen Fällen ist zu vermuten, dass der Kopist selber seine Kunstfertigkeit zum Ausdruck gebracht hat. Andere Miniaturen wurden von spezialisierten Buchmalern erstellt und sind entsprechend aufwändiger gestaltet, wobei auch die verwendeten Materialien weitaus kostspieliger sind.

Interessant sind diejenigen Darstellungen, die ähnlich den modernen Comics verschiedene Szenen ein und derselben Handlungsstrangs in zeitlicher Abfolge darstellen, man nennt diese auch Registerbilder.

 

 

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